Angewandte Behandlungskonzepte in der Ergotherapie

Aus den unterschiedlichsten Methoden und Verfahren, die in der Ergotherapie zur Anwendung kommen, sind hier lediglich die spezifischen Konzepte genannt, die in der Leistungsbeschreibung beispielhaft genannt sind. Die Auflistung erfolgt in alphabetischer Reihenfolge und erhebt nicht den Anspruch auf eine intensive Beschreibung der Konzepte, sondern soll lediglich einen groben Einblick vermitteln.

Das Affolter-/St. Galler Konzept

Das auf dem Affolter-Modell beruhende Behandlungskonzept findet in der Arbeit mit wahrnehmungsgestörten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen eine zunehmend breitere Anwendung. Im Verlauf von ca. 40 Jahren Forschung, Erprobung und Anwendung entwickelten Frau Dr. Félicie Affolter und zahlreiche Mitarbeiter ein auch für Ergotherapeuten bedeutendes Therapiekonzept. Menschen mit Wahrnehmungsstörungen und deren Folgen begegnen uns sowohl in pädiatrischen, neurologischen, geriatrischen als auch psychiatrischen Therapiebereichen. Die so Betroffenen können mit der Affolter-Methode, unabhängig von Art und Schweregrad der angeborenen oder erworbenen Beeinträchtigung, behandelt werden.

Die geführte Interaktionstherapie unterstützt den wahrnehmungsgestörten Menschen besonders in der Informationssuche über das taktil-kienästhetische System, dem eine hervorragende, ausschlaggebende Bedeutung für die Entwicklung von Fähigkeiten und Fertigkeiten des Menschen zugeschrieben wird.

Im Rahmen alltäglicher Aktivitäten und den daraus entstehenden Problemsituationen werden Teile der zur Problemexploration und Problemlösung notwendigen Bewegungen „geführt“ vollzogen. Gemeinsam mit dem therapeutischen Begleiter erspürt der Betroffene grundlegende Informationen, die unerlässlich sind, um seine Wahrnehmung über sich und die Umwelt sinnvoll zu ordnen und nutzen zu können.

Das Affolter-Modell verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz, versteht sich als interdisziplinäres Konzept und sieht die Einbeziehung der Bezugspersonen des Patienten als dringend geboten an.

Basale Stimulation nach Fröhlich

Die Basale Stimulation, ein von dem Sonderpädagogen Prof. Dr. A. Fröhlich entwickeltes Konzept, möchte vor allem Menschen mit sehr niedrigem Entwicklungsalter Angebote machen, mit Zielen, die die schwerstbehinderten Patienten auch erreichen können und die förderlich auf die Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit wirken. Anknüpfend an Erkenntnisse hinsichtlich vorgeburtlicher Erfahrungen und Fähigkeiten von Menschen und der Säuglingsforschung werden bei den schwerstbehinderten Menschen jeden Lebensalters in direkter Zugewandtheit körpernahe Therapiemaßnahmen eingesetzt, die vor allem das Körpererleben beeinflussen wollen. Verschiedene Wahrnehmungs-, Bewegungs- und Kommunikationsangebote sollen dazu beitragen, den behinderten Menschen ganzheitlich anzusprechen und ihm zu helfen, eigene kleine Entwicklungsschritte zu vollziehen.

Bobath-Konzept

Das Bobath-Konzept entstand in den vierziger Jahren in London durch Dr. h.c. Berta Bobath (Physiotherapeutin) und Dr. med. Karel Bobath (Neurologe und Psychiater). Als ein neurophysiologisches Verfahren bildet es eine wesentliche Grundlage der ergotherapeutischen Behandlung bei Patienten mit zerebral bedingten Bewegungs- und Handlungsfunktionseinschränkungen. Das Konzept entwickelte sich empirisch und umfasst die Behandlung von Kindern und Erwachsenen in jeweils eigenständigen Bereichen.

Die Entstehung und Wirkungsweise des Bobath-Konzeptes beruht auf zwei Prinzipien, nämlich der neurophysiologischen Grundlage, die naturwissenschaftlich begründet ist, sowie der ganzheitlichen Sichtweise, die der Geisteswissenschaft zugeordnet werden kann.

Bobath-Konzept bei Kindern

Die neurophysiologische Arbeitshypothese von Bobath besteht in der Annahme, dass die Beeinträchtigung von Kindern mit zerebraler Bewegungsstörung vor allem durch die gestörte Haltungskontrolle gegenüber der Schwerkraft verursacht ist. Die ganzheitliche Sichtweise betont das Kind in seiner Gesamtpersönlichkeit und nicht als Objekt mit isolierten Funktionsausfällen und Defiziten. Dabei wird der Motorik eine zentrale Bedeutung in der Gesamtentwicklung des Kindes beigemessen. Bewegung erfordert keine isoliert reagierenden Muskeln oder Muskelgruppen, sondern eine Koordinationsleistung des Gehirns. Motorisches Lernen kann nur im täglichen Handeln des Kindes erfolgreich sein.

Die kindliche Entwicklung wird durch eine ständige Anpassung von Sensomotorik, Neugierund Kognitionsverhalten an die unterschiedlichsten Situationen gefördert. Neugierde, variierende Wiederholungen und Ausprobieren sind dabei die Voraussetzungen für flexible Handlungsstrategien. Der Alltag wird erobert, entdeckt und bewältigt, das Kind lernt Ursache und Wirkung zu erkennen sowie Zusammenhänge herzustellen.

Bobath-Konzept bei Erwachsenen

Die Behandlung Erwachsener umfasst die Anbahnung und das Wiedererlernen von Bewegungen und Funktionen mit dem Ziel, wieder eine größtmögliche Selbständigkeit bei der Erfüllung der täglichen Anforderungen und der Integration in die gewohnte Umgebung bzw. den Beruf zu erreichen. Ergotherapeuten transferieren dieses Behandlungskonzept in den Alltag des Patienten. Sie nutzen gezielte Aktivitäten, um Ziele wie z.B. die Bewegungskontrolle beim Anziehen anzubahnen.

Dem Akutstadium kommt eine große Bedeutung zu. Es sollte so früh wie möglich mit der ergotherapeutischen Behandlung begonnen werden. Alle Beteiligten müssen ganzheitlich und alltagsnah zusammenarbeiten.

Castillo Morales Therapiekonzept

Das von Dr. Castillo Morales entwickelte Therapiekonzept ist ein ganzheitliches, neurophysiologisch orientiertes Konzept zur Behandlung von sensomotorischen und orofacialen Störungen bei Kindern und Erwachsenen. Es wird besonders bei Patienten mit einer muskulären – angeborenen oder erworbenen – Hypotonie oder nach einem Schädel-Hirn-Trauma oder einer Zerebralparese angewendet.

Das Konzept beruht auf den Lebensgewohnheiten der Eingeborenen Lateinamerikas, wie sie das Leben beobachten, handeln, kommunizieren und ihr Leben reflektieren. Für den Therapeuten ergibt sich daraus der folgende Therapieablauf: Das Beobachten, das Therapieren bzw. Handeln und das Reflektieren.

Zur Durchführung des Konzeptes spielen neben den verschiedenen Techniken auch Aspekte wie Bewegung, Funktion, Kommunikation, sensorische Entwicklung und sensomotorische Aktivität eine wichtige Rolle.

Die Motivation des Patienten ist von grundlegender Bedeutung. Daher muss die Umgebung motivierend auf den Menschen wirken, um einen sich gegenseitig befruchtenden Prozess in Gang zu setzen.

Frostig-Konzept

Das Frostig-Konzept als neuropsychologisches Behandlungsverfahren wurde von Marianne Frostig entwickelt und dient der Behandlung von Kindern mit Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen. Diese sind häufig die Ursache für Lernprobleme im Schulalter. Mit dem weltweit bekannten und erprobten Frostig-Programm zur frühzeitigen und systematischen Förderung der visuellen Wahrnehmungsfunktionen wird die allgemeine Wahrnehmung verbessert und die Gefahr schulischen Versagens vermindert.

Grundlage dieses Programms stellt der Frostig-Test der visuellen Wahrnehmung (FEW) dar. Er erfasst mit verschiedenen Untertests Grundfunktionen der visuellen Wahrnehmung wie Auge- Hand-Koordination, Figur-Grund-Unterscheidung, Form-Konstanz und die Identifikation und Reproduktion von Gestalten.

Des Weiteren entwickelte Marianne Frostig den Frostig-Test der motorischen Entwicklung (FTM), der eine diagnostische Testbatterie zur Beurteilung der sensomotorischen Entwicklung von Kindern für die Bewegungsmerkmale Koordination, Beweglichkeit, Gelenkigkeit, Kraft und Gleichgewicht enthält. Zudem kann ein entsprechendes Trainingsprogramm zusammengestellt werden. Das Frostig Konzept verbindet somit mit seinem ganzheitlichen Ansatz die kindliche Entwicklungsförderung und die Behandlung von Lern- und Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen.

Perfetti-Konzept

Das kognitiv therapeutische Konzept nach Professor Perfetti ist ein neurophysiologisches Verfahren und wurde für Patienten mit Zustand nach Apoplex entwickelt. Der italienische Professor Carlo Perfetti, Facharzt für Neurologie und Leiter eines Rehabilitationszentrums in Italien, war mit den Ergebnissen der bisherigen Behandlungsmethoden nicht zufrieden. Seiner Ansicht nach wurde in der Therapie zu wenig Wert auf die aktive Aufmerksamkeit des Patienten und das Ziel der Bewegung gelegt. Anfang der siebziger Jahre begann er mit der Entwicklung seines Konzepts, das sich nach wie vor in der Weiterentwicklung befindet.
Wissenschaftliche Erkenntnisse und moderne bildgebende Verfahren sind die Grundlage für sein Konzept, welches sich an der physiologischen Funktionsweise des Gehirns und den diversen Möglichkeiten der Reorganisation orientiert.

Sensorische Integrationstherapie nach Jean Ayres

Dr. Jean Ayres (1920-1988), eine amerikanische Ergotherapeutin und Psychologin, war die Begründerin des Konzeptes der Sensorischen Integrationstherapie. Sie hat in einem Forschungsprojekt die Ursachen von Lernstörungen bei Kindern untersucht. Die Ergebnisse dieser Forschung zeigten eine Häufung von Verarbeitungsstörungen der Sinneswahrnehmung bei einem großen Teil von Schulkindern mit den verschiedensten Lernproblemen.

Sensorische Integration gehört zur normalen Entwicklung. Die Verbindung und Verarbeitung von Berührung, Bewegung, Körperhaltung, Riechen, Schmecken, Tasten, Hören und Sehen ist die elementare Grundlage von Handeln, Sprechen und Lernen.
Alle über die Sinnessysteme aufgenommenen Informationen werden „integriert“. Das bedeutet, sie werden im Nervensystem und Gehirn weitergeleitet, verarbeitet und gedeutet, sodass sie in sinnvolle, der jeweiligen Situation angemessene Handlungen umgesetzt werden können. Jean Ayres entwickelte einen speziellen Test zur Evaluation sensorisch integrativer Dysfunktionen. Das Erbe Jean Ayres wird stets nach neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen auch mit verfeinerten Testverfahren und Behandlungstechniken weiterentwickelt.